Unser 2. Maibaum

 

Nach gut zwei Jahren muss ein Maibaum erstmals durch den TÜV. Aus Logistikgründen ist es in diesem Fall freilich eher umgekehrt, im Herbst 2015 kam der TÜV-Prüfer erstmals nach Harlaching. Mit einem Hämmerchen prüfte er den Baum auf mögliche Fäule oder Schädlingsbefall. Entsprechend groß war unser Schock, als bereits beim Test an der ersten Stelle der Hammer des Prüfers fast zur Hälfte im Holz versank. „Der muss weg!“ war der kurze Kommentar des Gutachters. 2013 hatten wir bei der Farbwahl auf die Empfehlung eines spezialisierten Malereibedarfs gebaut. Er hatte uns atmungsaktive Farbe auf Harzbasis empfohlen, um die gefürchtete Blasenbildung zu vermeiden. Leider mussten wir nun feststellen, dass dieser Schuss wohl nach hinten losgegangen war.

Mit dieser Hiobsbotschaft hatte niemand gerechnet. Es bestand durchaus berechtigte Skepsis im Verein, ob wir so spontan einen neuen Maibaum würden aufstellen können. Schließlich ist das Engagement eines jeden Burschen - wie bereits erwähnt - ehrenamtlich und ein zweimonatiges Mammutprojekt lässt sich nicht ohne Weiteres in das Schul-, Studenten- oder Berufsleben integrieren, gerade mit so kurzem zeitlichen Vorlauf. Als schließlich die Frage zur Abstimmung kam, ob ein jeder im Verein diese Belastung so spontan auf sich nehmen würde, war die Entscheidung dennoch schnell getroffen. Die Alternative wäre gewesen, wie geplant im Jahr 2017 aufzustellen und somit ein Jahr lang keinen Baum zu haben – und das wollten wir unter gar keinen Umständen.

Im Dezember 2015 fällten wir mit leichten Schäden an einem Burschen-Knöchel und einem Zaun also unseren zweiten Maibaum. Ungewöhnlicher Weise wählten wir eine Randfichte von über 30 Metern, die zwar auf Grund ihrer vielen Äste schwer zu bearbeiten sein würde, dafür jedoch sehr schön gerade war. Nach konstruktiven Gesprächen mit der Wirtsfamilie Niederreiner, wie Situationen wie der Besuch der Harthauser und Putzbrunner sowohl in der Entstehung („Aber lassts an eich ja ned wieder klaun!“) als auch im Ablauf („So a Gschwerl brauch ma nimmer daherin!“) in Zukunft zu vermeiden seien, wurde uns auch wieder die Reithalle der Harlachinger Einkehr zur Bearbeitung kostenfrei zur Verfügung gestellt. Im März 2016 war es also wieder soweit, dass ein Baum nach Harlaching gefahren wurde. Nachdem der ursprüngliche Standort des Baumes dieses Mal etwas weiter entfernt lag, dauerte die Einfuhr vor dem festlichen Teil übrigens sechs Stunden, zweimal kippte der Baum samt Nachläufer in engen Kurven im Wald um. Die Bearbeitung des zweiten Baumes verlief deutlich routinierter als die des Ersten, aufgrund des fehlenden Planungsvorlaufs lediglich erschwert durch eine zahlenmäßig nicht ganz so stark aufgestellte Truppe wie noch vor drei Jahren.

Schwerer wog dies jedoch bei der Bewachung des Baumes, denn dieses Jahr gab es von Beginn an auch Tagschichten. Unter gar keinen Umständen durfte dieser Baum noch einmal abhandenkommen, das war allen klar. Die angespannte Personallage und die verschärfte Bewachung führten jedoch dazu, dass manche Burschen mehr als zehn Nächte am Baum verbringen mussten. Doch obwohl viele Diebe mehr als nur ein Auge auf unseren Baum geworfen hatten, zeigte der Burschenverein Harlaching dieses Mal Durchhaltevermögen. Wir erwischten einen zahlenmäßig auf zwei gegenüberliegenden Seiten mittig jeweils an Stumpf und Spitze große Nägel eingeschlagen, die mit einer Schnur verbunden werden.

In einem 45-Grad-Winkel werden nun zwei weitere Schnüre um den Stamm geschlungen, an denen entlang später die Grenzen zwischen weiß und blau verlaufen sollen. Um den Winkel beizubehalten, werden dazu die Abschnitte entlang der ersten Schnur mit weiteren Nägeln markiert, um die die zweiten Schnüre gespannt werden. Bei der Markierung der Abschnitte muss auch die nicht gleichmäßig verlaufende Verjüngung des Baums bedacht werden, sodass das Abbinden nicht in wenigen Stunden geschehen ist. Dennoch lohnt es sich, hier Zeit zu investieren, denn eine ungleichmäßige Spirale springt dem Betrachter sofort ins Auge. Auch die Verlaufsrichtung der Raute ist nicht überall gleich. In Harlaching haben wir uns entschieden, traditionell nach links abzubinden, so wie auch die bayerischen Rauten verlaufen. Da die Bearbeitung 2016 sicherer von der Hand ging, konnten wir uns den Problemen des ersten Baumes widmen. Wir fuhren oft raus aufs Land und sprachen mit alteingesessenen Vereinen, auch um mit der Wahl der Farbe dieses Mal besser zu fahren. Die schlussendlich gewählte Lösung schien manchen fast zu naheliegend und günstig, doch wir werden im Herbst 2018 erstmals sehen, ob Erfahrung und Brauchtum die 2013 gewählte Spezial-Farbe schlägt.

Auch bei der Gestaltung des untersten Teils des Baumes gingen wir neue Wege und entwarfen ein modernes, eigenes Design für Harlaching. Neben dickeren Ringen führten wir eine Reihe Rauten ein, die die vergangenen Bäume würdigen sollen. Am 2016er Baum prangt somit erstmals eine goldene Raute, geschmückt von der Jahreszahl des Vorgängers: 2013.

Die Rautenzahl beträgt ringsum übrigens zehn, die Baumgestaltung ist somit zukunftssicher bis etwa 2048 – dann jedoch wird sich eine andere Generation Harlachinger Burschen mit dieser Aufgabe beschäftigen müssen. Wir sind uns nach den turbulenten ersten zehn Jahren jedoch sicher, dass auch das gelingen wird.

Matthias Henning & Sebastian Schmidt

Maibaum-Chronik

März 2016

19.03.2016 - Einfahrt unseres Maibaumes nach Harlaching! Ab jetzt liegt der Baum in der Halle neben der Harlachinger Einkehr und wird von uns per Hand hergerichtet.

Januar 2016

30.01.2016 - Die Wachhütte wurde komplett entrümpelt, geputzt und neu eingerichtet.

Dezember 2015

20.12.2015 - Wir haben unseren neuen Baum im Perlacher Forst gefällt, von allen Ästen und der Rinde befreit und aufgebockt, sodass er trocknen kann und nicht im Schnee liegt.